Gedämpft
Triggerwarnung: Dieser Post handelt von Depressionen und dem Verlust eines Haustieres. Bitte nur weiter lesen, wenn Ihr darauf vorbereitet seid.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
.
Am vergangenen Dienstag musste ich meinen letzten Kater einschläfern lassen. Am Samstag davor ist er stramme 16 Jahre alt geworden, was für einen reinrassigen Highlander schon eine reife Leistung ist.
Sein Bruder ist bereits vor ein paar Jahren über die Regenbogenbrücke gegangen, er war aber immer etwas kränklich.
Nun musste ich also auch den alten Herrn gehen lassen. Die letzten Tage hat er nicht mehr gefressen und wollte nur noch im Schlafzimmer seine Ruhe haben. Der Tierarzt vermutete Nierenprobleme oder einen Altersdiabetes, dazu war er dehydriert und hatte ziemlich an Gewicht verloren.
Ich wollte der Fellnase nicht zumuten, mit allen möglichen Medikamenten und ungewissem Ausgang weiter leiden zu müssen und entschied mich dazu, ihm das Ende so leicht wie möglich zu machen.
Warum habe ich nun oben eine Triggerwarnung unter Anderem zu Depressionen gesetzt? Ist der Verlust eines geliebten Lebewesens nicht schon Grund genug?
Leider - und das meine ich vollkommen ernst - konnte und kann ich nicht so um ihn trauern, wie ich es gerne würde. Seitdem ich täglich einen SSRI, also ein Antidepressivum nehme, sind Gefühle wie Trauer und Verlustschmerz bei mir sehr gedämpft. Eine Filmszene, die mich früher mit absoluter Sicherheit in Tränen aufgelöst hinterlassen hätte, berührt mich zwar noch immer, aber ich kann nicht weinen. Auch wenn es sich in dem Moment gut anfühlen würde.
An Katers Geburtstag hatte ich ihn kurz auf dem Arm, habe ihm den Bauch gestreichelt und konnte für ein paar Sekunden hemmungslos heulen. Aber auch das war viel zu schnell vorbei. Als er dann in der Tierarztpraxis die Injektionen bekam und seinem Bruder folgte, war ich erschreckend gefasst.
Einerseits bewahrt mich das Medikament vor düsteren Gedanken und einer lähmenden Antriebslosigkeit. Andererseits nimmt es mir einen Teil der Gefühle, die zwar belastend, aber auch befreiend sein können.
Inzwischen bin ich dabei, die Wohnung aufzuräumen. Das Katzenklo ist schon entsorgt, Futter- und Wasserschalen sind geleert und gespült. Beim nächsten Sperrmüll kommt der sperrige Kratzbaum raus. Und irgendwie kann ich mich tatsächlich über den freien Platz und die abnehmende Menge an rotem Fell auf allen Klamotten freuen.
Dennoch habe ich mehrmals am Tag des Gefühl, aus dem Augenwinkel eine Bewegung zu bemerken oder das Geräusch der Krallen auf dem Fußboden zu hören. Der erste einsame Tag im Homeoffice war besonders schlimm.
Wenn nach 15 gemeinsamen Jahren kein anderes Wesen mehr da ist, dauert es vermutlich eine Weile, sich daran zu gewöhnen. Mal schauen, wie lange die innerliche Leere anhält.
Als Erinnerung an die beiden habe ich mir heute zwei Gingkoblätter auf die Hand tätowieren lassen. Der Termin stand schon lange fest, aber das neue Motiv entstand sehr spontan.
Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, noch einmal ein Tier so in mein Herz zu schließen. Auch den Plan, in einigen Jahren als Rentner einen Hund aus dem Tierheim zu adoptieren, habe ich auf Eis gelegt. Denn auch dieser würde vermutlich vor mir sterben und wenn nicht, so müsste er damit klarkommen, dass ich nicht mehr für ihn da wäre.
Ich hoffe, ich habe Euch mit diesen Zeilen nicht zu sehr belastet. Aber ich musste sie einfach schreiben und veröffentlichen.
An alle da draußen, die ebenfalls mit Depressionen zu kämpfen haben: Ihr seid nicht allein! Holt Euch Hilfe, wenn ihr sie nicht schon habt. Antidepressiva können auch negative Seiten haben, aber meiner bescheidenen Meinung nach ist alles besser als die Alternative.